Sind Hochsensible ungeeignet für die Selbstständigkeit?



Hochsensibilität ist keine Krankheit oder Modeerscheinung, es ist ein besonderes Persönlichkeitsmerkmal. Woran Sie es erkennen und wie Sie als Selbstständiger damit umgehen, lesen Sie in diesem Artikel von Sandra Tissot.

Bild: Gert Altmann / pixelio.de
Bild: Gert Altmann / pixelio.de

Die meisten Menschen haben von Hochsensibilität vielleicht schon einmal gehört, aber die wenigsten kommen auf den Gedanken, dass sie selbst zu den HSP (High Sensitive Person) zählen könnten. Dabei zeigen Pioniere auf dem Gebiet wie Dr. Elaine N. Aron bereits seit Jahrzehnten, dass die hohe Empfindsamkeit keine Modeerscheinung ist und rund 20 Prozent der Bevölkerung hochsensibel sind. Dabei handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern vielmehr um ein besonderes Persönlichkeitsmerkmal. Hochsensible besitzen feine Antennen, die sie nicht nur äußerst aufnahmefähig für Gerüche und Geräusche machen, sondern die auch ein besonders hohes Maß an Wahrnehmung und Empathie sowie ein komplexes und intuitives Denken ermöglichen. 

Woran ist die eigene Hochsensibilität erkennbar?

Die angeborene Hochsensibilität wird bereits in der Kindheit deutlich und äußert sich durch introvertiertes Verhalten, aber gleichzeitig durch eine reiche Phantasiewelt und hohe Empathie bereits im Kleinkindalter. Hochsensible haben meist einen hohen Drang nach Regeneration, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Auf unbekanntem Terrain erleiden insbesondere junge und unerfahrene Hochsensible schnell eine Überflutung an Reizen und fühlen sich dadurch häufig ein Leben lang falsch verstanden. Das kann sich schlagartig ändern, wenn sie sich aktiv mit dem Thema Hochsensibilität auseinandersetzen. Hier stellen sich plötzlich Fragen u. a. nach der Sinnhaftigkeit der Berufswelt. 

Hochsensible und die Grenzen der Berufswelt

Unsere Arbeitswelt wird dominiert vom Leistungsgedanke. Wer nicht Schritt halten kann, wird ausgetauscht. Insbesondere HSP fühlen sich im Alltag der Berufswelt oft eingeengt. Das vordefinierte Arbeitsumfeld mit festen Arbeitszeiten, Leistungsdruck, Ungerechtigkeiten und die ständige Flut an Reizen (laute Kollegen, voller Terminkalender, unangenehme Büroatmosphäre etc.) bringen Hochsensible schnell an physische und psychische Grenzen. Eine Ursache dafür sind die fehlenden Regenerationsphasen, die Hochsensible unbedingt benötigen. Insbesondere ihre Wünsche nach Eigenverantwortung, Unabhängigkeit, Flexibilität und vor allem sinnvollem Tun können im klassischen Angestelltenverhältnis nur selten erfüllt werden. So tragen sich viele Hochsensible mit dem Gedanken, sich irgendwann einmal selbstständig zu machen. Doch die Sorgen, dass das hochsensible Dasein mit unternehmerischen Herausforderungen im Widerspruch stehen könnte, überwiegen meist. Dieser Zwiespalt führt oft in eine Sinnkrise.

Hochsensible und die berufliche Selbstständigkeit

Hochsensible haben meist einen hohen Freiheitsdrang und entscheiden gern selbstbestimmt und unabhängig. Eine echte kreative Entfaltung ist häufig erst möglich, wenn es keine starren Vorgaben gibt. Gerade in der beruflichen Selbstständigkeit haben sie die Möglichkeit frei zu entscheiden, zu welchen Zeiten sie arbeiten und mit wem sie gemeinsam arbeiten können. Arbeitsumfeld, Zeiten, Projekte aber auch persönliche Regenerationsphasen können hier entsprechend gestaltet werden. Ängste, der Selbstständigkeit vielleicht nicht gewachsen sein zu können, sind meist unbegründet, denn Hochsensible besitzen eine ausgeprägte Wahrnehmung und erkennen häufig mit Hilfe ihrem feinen Instinkt, welche Vorhaben gelingen oder an welchen Stellen Gefahr droht.


Dadurch sind sie auch befähigt, größere Zusammenhänge zu erkennen, um damit individuell auf die Bedürfnisse ihrer Geschäftspartner einzugehen zu können. Erkennen Hochsensible die vielseitigen Möglichkeiten Ihrer Persönlichkeit, können sie die Stärken wie Empathie, vernetztes Denken oder Ideenreichtum gezielt in die Selbstständigkeit einbringen und davon profitieren. Hier werden dann Problemstellungen auch einmal von unkonventioneller Seite betrachtet und finden eine passende Lösung. 

Geplantes Vorgehen wichtig

Die Festanstellung sollte jedoch nicht aus einer Laune heraus gekündigt werden. Vielmehr ist ein geplantes Vorgehen der Schlüssel zum dauerhaften Erfolg. Eine Existenzgründung sollte grundsätzlich gut vorbereitetet sein. Die Vorbereitung umfasst u. a. Recherchearbeit, Behördengänge sowie einen genauen Businessplan. Mit einer optimalen Planung können Hochsensible Existenzängste minimieren. Hilfreich können aber auch Kontakte zu anderen Selbstständigen (insbesondere hochsensiblen Selbstständigen) sein, die aus jahrelangen Erfahrungen berichten können. Es gibt mittlerweile auch eine Reihe von Coaches, die sich insbesondere auf die Unterstützung von hochsensiblen Existenzgründern konzentrieren. 

Den optimalen Zeitpunkt gibt es nicht

Hochsensible neigen manchmal zum Perfektionismus, dieser hindert sie aber unter Umständen daran, irgendwann den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen. Wichtig ist die Erkenntnis, dass es den perfekten Zeitpunkt nicht gibt. Es wird immer diesen oder jenen Grund geben, der vielleicht dagegen spricht. Wurde die Selbstständigkeit sorgfältig geplant, müssen mögliche Zweifel auf den Prüfstand. Die vermeintlichen Risiken dienen oft nur als Selbstschutz und werden am Ende aber zur scheinbar unüberwindbaren Blockade. Die Selbstständigkeit bietet HSP zahlreiche Möglichkeiten und Horizonte, die dem hochsensiblen Naturell auf Dauer sehr zuträglich sind. Kein Wunder das Hochsensible, die ihre Persönlichkeitsmerkmale erkannt und ihre Potentiale entfalten können, die Selbstständigkeit als Befreiungsschlag genießen. 

 

Mehr Informationen erhalten Sie im Buch „Hochsensibilität und die berufliche Selbstständigkeit“. Hier finden Sie eine ausführliche Leseprobe: www.hochsensiblepersonen.com

 

Autor: Sandra Tissot

 


Meist gelesen zum Thema

Endlich gegründet - und nun?

Sie haben sich selbstständig gemacht, doch es läuft einfach nicht so wie Sie es wollen. Woran liegt das? Unternehmensberater Helmut Klüsener mit Tipps und Hintergründen.

Mehr lesen

Gelassenheit: Energietankstelle für Beruf und Alltag

Viele Menschen fühlen sich im Beruf über-fordert. Dabei können mehr Gelassenheit und positive Gefühle den Arbeitsalltag nicht nur leichter machen, sie liefern auch die benötigte Energie. Mehr lesen



Ähnliche Artikel






Waren diese Informationen nützlich für Sie? Dann teilen Sie den Beitrag im Netzwerk oder schreiben Sie einen Kommentar. Danke!

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Susanne Oertel (Montag, 26 Juni 2017 11:11)

    Ich weiß zwar erst seit ein paar Wochen, dass ich zu den HSP zähle, es hat mir aber eine komplett neue Welt eröffnet. Ich arbeite schon seit Jahren selbstständig und seitdem geht es mir viel besser. Seit ich mir zudem erlaube, Ruhepausen zu nutzen und einzuhalten und anzuerkennen, dass sie zu mir gehören, arbeitet es sich auch viel leichter. Ich habe mich komplett auf meine Art zu leben und zu arbeiten eingelassen und dadurch wahnsinnig viele unglaublich bereichernde Menschen kennengelernt, die zum Teil ebenfalls hochsensibel sind. Ich möchte jedem Mut zusprechen, den Schritt zu wagen. Es ist nicht leicht, aber wenn es sich aus tiefstem Herzen einfach richtig anfühlt, kann man die Mühsal viel besser ertragen als eingesperrt in einem Büro mit zahlreichen anderen Menschen, die einem die Energie rauben.

    Liebe Grüße
    Susanne

  • #2

    Jürgen Pötschik (Montag, 26 Juni 2017 13:37)

    Hallo Susanne, alle,
    es geht mir in allen Details genauso, wie du es beschreibst, bis hin zur HSP-Erkenntnis vor wenigen Wochen.

    Liebe Grüße
    Jürgen